t f u m y r
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Es ist vorbei.

Dorothy. Dead. Rachel Rogov.
Artwork by Rachel Rogov http://rachelrogov.com/

Viele haben es offenbar nach 147 Tagen noch immer nicht mitbekommen: Straftanz ist tot. Es starb im Kreis seiner Familie in Sheffield im Norden Englands bei der besten Industrial Party der Welt. Das war wenig überraschend, denn die letzte Show wurde am 29.11.2013 angekündigt. Das eine letzte mal. In einem englischen Artikel auf dieser Seite habe ich das alles schon mal erklärt, daher übersetze ich das heute für Kevin und die anderen die es wissen möchten:

Deutschland. Ein Dienstag.

“Wir sehen uns dann bei den Parties, Zeche Carl vielleicht? Nächste Woche?” meinte Sie noch zum Abschied. “Eher nicht.” sagte ich. “Ich mag da echt nicht mehr hin.” Sie zuckte mit den Schultern. “Eisenlager? Oder Matrix?” – “Ne, echt nicht, ich kann mir die ganzen Anti-Depressiva nicht leisten die ich da brauche damit ich das überlebe.” Etwas überrascht wirft Sie mir ein “Warum!?” entgegen und wieder erliege ich der Versuchung zu antworten. Nur noch einmal…

“Teil irgendeiner Untergrund Kultur zu sein, bedeutet für mich größere Freiheiten zu genießen als im Alltag. Es interessiert mich nicht mit Leuten rum zu hängen die das nicht OK finden wenn ich im Hands-Up-Break meine Arm hochhebe weil denen das irgendwie zu Techno ist. Ich will nicht mit irgendwem darum streiten ob ich gerade an ihrem persönlichen Tanzpunkt stehe auf dem sie IMMER tanzen. Ich habe die Schnauze voll. Es muss aufhören. Ich meine: Das stirbt eh alles. Die Leute da werden immer älter und wenn ich könnte, ich würde machen, dass es schneller stirbt.” Um meinen Punkt farbig zu illustrieren beschrieb ich den Vorfall aus der Zeche Carl, bei dem irgendein Experte Hände im Break so scheisse fand, dass er mich anfasste und meine Arme nach unten zog. Das Mädchen in der Matrix, die mir sagte: “Ich tanze hier. Ich tanze immer hier.”

“Aber du doch bestimmt wieder irgendwas verfreaktes gemacht, oder? Mir passiert sowas nie!” erwiderte sie. – “Aber ich bin ein Freak!” gab ich zurück. “Ja, du redest gerade mit einem. Vielleicht ist dir sowas einfach nie passiert, weil Du immer mit den gleichen Leuten ausgehst und Du eben nie was seltsames tust. Du reihst dich ein, tust das sichere, bist wie die anderen und drehst Dich nicht um.” Meine Aussage schien Sie zu verärgern und das freute mich auf gewisse weise: Endlich spürte ich einen Hauch von Passion für was, auch wenn ich es bevorzugen würde, dass sich irgendwer über die vielen Rechten aufregen würde, die Events organisieren. Um jeden meinen Punkt klar zu machen: Als wir beim E-Tropolis Festival in Oberhausen Leuten sagten: “Hey, die Musik ist bald aus, wir haben Hotelzimmer und alles da, wollt ihr mit?” war die Reaktion sowas wie: Wir müssen da noch wen abholen und meine Freundin wollte noch was bei McDonnalds kaufen und irgendwer muss noch irgendwo hin, ist woanders, was weiss ich. Das niemand mitkam muss ich keinem erklären.

Britanien. Karfreitag. Drei Wochen früher.

Resistanz Group Picture

“Ich habe gerade ein Reinigungsritual durchgeführt.” erklärt er ernst. Sein Gesicht ist verschmiert mit hellrosanem Lippenstift. “Möchtest Du Dich auch reinigen?” fragt er mich – “Tut mir leid, ich bin echt hinter meinem Zeitplan” erkläre ich ihm und frage ob das mit dem Reinigen später geht. Nach der Show. “Nein, das wäre sinnlos.” sagt er. “Aber Du kommst schon klar.”

Die Umkleide ist voller Menschen. Ein riesiger Typ mischt Cola und Whiskey 50/50 in eine Plastikflasche. Ein Typ mit Sonnebrille hat offenbar echt gut Laune und grüßt. Der Gitarist starrt in eine Ecke und befindet sich offenbar in einem Zustand entrückter Freude. “Ich bin echt hinterm Zeitplan!” wiederhole ich. Der Typ hinter der Sonnbrille lacht. “Das drückst Du sehr schön aus” sagt er und bietet mir sofort Hilfe an. – Wir waren zu Hause als Band und hatten nicht vor diesen Ort lebendig zu verlassen. Wir spielten die letzte Show. Sicher nicht unsere Beste, aber wir standen vor 700 Freaks und fühlten uns mit denen erhoben über der Welt. Als ich um 5 Uhr früh Leute fragte was die in der Nacht noch vor hätten wussten die schon meine Zimmernummer. 30 Waren da als der Schuppen schloss und brachten Essen, ihre Freunde, Schnaps und alles andere mit. Die fragten dann noch freundlich bevor sie den Sekt öffneten den ich auf Eis gelegt hatte. Das machten wir drei Nächte lang. Am Stück.

Straftanz ist tot.

The last vodka

Ich fühlte mich wie ein Messias. Nicht Deiner oder der von sonst wem, aber sicherlich mein eigener. Ich hatte mich befreit. Ich habe meine Band, meinen Bass, meinen Schnaps aufgegeben.

Ich gab meinem Freund Mark eine Gehirnerschütterung und mir wurde vergeben. Ich wurde von Becca objektifiziert und gebissen und ich vergab ihr. Wir erlangten Vergebung für alles. Für unseren Alltag, unsere Angewohnheit dafür zu Sorgen, dass irgendwer was kauft das er nicht braucht, für unsere Arbeit, unseren Beruf, für den Zwang überhaupt einen Zweck haben zu müssen oder einen zu erwarten. Zweck. Was ist das schon noch wenn dieser, unser Stamm erst darauf los geht und jeden Zweck zu beenden.

Wir können nicht mehr dahin zurück wo Straftanz mal herkam. Nein. Bei “Industrial” – Vor allem in Deutschland – geht es nicht mehr darum Grenzen zu brechen, subversiv zu sein oder eine Kultur ausserhalb der Kultur zu errichten. Heute ist es nur noch dazu da um einen sicheren Ort für Menschen mitte Dreißig oder älter abzubilden. Ein Ort in dem man irgendwelche Stilrichtungen runterbeten kann und davon erzählen kann schon länger dabei zu sein als wer anders oder diese “Kinder”.  Ein Ort der immer gleich bleibt. Ein kuscheliges Tuch unter dem man sich vor einer unsicheren Welt verstecken kann. So sehr ich das Bedürfnis nach der Kuscheldecke verstehe, ich kann zu dieser Form von Anästhesie nichts mehr beitragen. Das Bedürfnis nach Sicherheit verschlingt Freiheit, verstärkt Furcht und sorgt für miesen Sex. Unser Konzept eine Szene zu reflektieren ist damit erschöpft. Es gibt nichts mehr zu reflektieren. Wir wollen uns nicht mehr danach richten, denn wir sind nicht beschränkt genug um Teil davon zu sein.

 Forward Ever.

Ich will weiter gehen und ihr seid alle eingeladen mit mir zu gehen. Ich werde euch ab und an wissen lassen wo ich bin. Aber wenn ihr stehen bleibt werde ich weiter gehen auf meinem Eroberungszug ins Nichts. Genau wie Renzo Novatore. “Kehrt euch Eurer Selbst zu, nicht Euren Göttern und Idolen. Findet was sich in Euch verbirgt, bringt es ans Licht, zeigt euch selbst!”
-jl

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